Plötzlich Pferdeflüsterin

In Australien wilde Pferde einreiten? Ein Traum! Und die Austauschplattform WWOOF ermöglicht eine relativ günstige Auszeit. Bezahlt wird sie mit harter Arbeit in der prallen Sonne. Ein Erlebnisbericht

Ritt in den Sonnenuntergang (Foto: Fabulous Female Cyclists)

Das große Abenteuer begann mit einem einfachen Satz: „Hallo Anke und Dana, ich würde gerne mehr über euch erfahren.“ Das schrieb Dianne schon im August letzten Jahres auf der Plattform WWOOF Australia. Es folgte eine lange, sympathische Nachricht mit einigen Fragen und einer langen Erklärung: Wie viel Erfahrung mit Pferden ich hätte? Ob ich auch junge Pferde trainieren könnte? Sich selbst beschrieb Dianne als Teil einer „echten Aussie-Familie, die hart arbeitet und nach Feierabend ein Bierchen genießt“. Da sie die meiste Zeit alleine ist, suchte Dianne dringend Unterstützung für die Versorgung ihrer fünfzig Pferde. Ihr Mann fährt mit Trucks durchs Land und
düngt Felder. Die vier Kinder der beiden sind mittlerweile fast alle aus dem Haus. Ich war sofort begeistert. Es klang traumhaft: Ein privater Hof, auf dem eine Familie Pferde züchtet, nicht allzu weit von Perth entfernt und dazu die Chance, junge Pferde zu reiten und zu trainieren.

Doch wie kam es zu dieser Anfrage? Anke und ich träumten schon einige Jahre von einer gemeinsamen Weltreise, einfach mal ein Jahr Pause – vom Job, vom Alltag, von der Großstadt, raus aus Berlin. Also starteten wir im Januar 2022 mit unseren Fahrrädern. Satte 12.300 Kilometer strampelten wir mit reiner Muskelkraft – nur ab und zu ließen wir uns von einem Schiff oder Flugzeug tragen. So kamen wir von Italien bis nach Australien – und aus dem geplanten Jahr wurden 16 Monate.

Kaum waren wir zurück in Berlin, ergriff uns sofort wieder das Fernweh. Unser letztes Ziel, Australien, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Die Menschen dort sind unfassbar freundlich, die Strände aus so feinem Sand, dass es beim Laufen quietscht, und die Tiere an Niedlichkeit kaum zu überbieten: schlummernde Koalas, hüpfende Kängurus und wat- schelnde Pinguine. Ich wollte zurück! Nur wie?

WWOOF: Hart arbeiten, kostenlos wohnen

Schon während unserer Weltreise wwoof- ten wir ab und zu, arbeiteten also auf öko- logischen Farmen für Kost und Logis. Auch in Australien halfen wir bei einem sympa- thischen Rentner:innen-Pärchen und hatten seitdem ein Profil im australischen WWOOF-Netzwerk. Da kam die Anfrage von Dianne. So kehrten wir schon im Oktober 2023 ein zweites Mal dem deutschen Winter den Rücken – diesmal ohne Fahrrad, dafür mit Rucksack und Arbeitskleidung.

Geplant waren vier Monate in Australien und Neuseeland. Ein Monat Tasmanien, zwei Monate Neuseeland und schließlich Western Australia, kurz „WA“. Auf den meisten Höfen wollte ich reiten, aber nie klappte es so richtig. Zum Glück wusste ich, dass in WA Dianne wartete. dazu durfte ich bei ihr nicht nur jeden Tag mehrere Pferde reiten, sondern sie auch trainieren. Sogar beim Ein- reiten der ganz Jungen half ich tatkräftig mit – als „Crash Dummy“ sozusagen, also als erste Person, die sich mit Sattel auf den Nachwuchs setzt und hoffentlich drauf sitzenbleibt. Ein Kindheitstraum wurde wahr.

Als Teenagerin verbrachte ich in Sachsen-Anhalt jede freie Minute auf dem dörflichen Reiterhof. Ich kümmerte mich täglich um Pflegepferde. Doch dann kamen Pubertät, Coming-out, Studium, Arbeit, Großstadtleben. Da war kein Platz mehr für Pferdeliebe. Obwohl in meinem Umfeld kaum jemand von meiner alten Leidenschaft wusste, vermisste ich mit der Zeit den Stallgeruch immer mehr und mehr. Deshalb begann ich vor ein paar Jahren mit Wwoofing und half während meines regulären Urlaubs auf Pferdehöfen in Deutschland aus. Dort lernte ich auch einige Kniffe fürs Training.

Das kam mir in Western Australia zugute. Nach einer Woche stand fest: Ich soll bleiben! Noch bevor sie Anke kennenlernten, die einige Wochen allein un- terwegs war, boten sie an, uns beiden neue Flugtickets zu kaufen und meine Krankenkassenkosten zu übernehmen. Meine Gegenleistung: weiter Pferde trainieren! Ich konnte nicht widerstehen und verlängerte nochmals um zwei Monate.

West Australien: Eukalyptusduft und Saunahitze

Selbst das toughe Leben im trockenen Westen Australiens konnte mich nicht umstimmen. Es gab regelmäßige Stromausfälle, der nächste Supermarkt war mehr als 30 Kilometer entfernt und überall Staub und Sand. Tagelang drückten im Januar über 45 Grad im Schatten, selbst nachts kühlte es kaum ab. Dank der Eukalyptusbäume roch es dabei wie in der Sauna und so fühlte es sich auch an. Der Wecker klingelte jeden Morgen schon um 5.30 Uhr, denn so nah am Äquator ist es schon ab 10 Uhr morgens zu heiß zum Reiten.

Außerdem wartete die professionelle Pferdetrainerin Bethanie auf ihrem Dummy. Schnell wurden wir ein eingespieltes Team. Behtanie longierte und trainierte die Jungpferde am Boden, ich hüpfte anschließend drauf. Ein paarmal landete ich im weichen Sand.

Und dann gab es noch einige Spezialfälle für mich, wie Ned. Er wurde zu spät kastriert und benahm sich als Wallach weiter wie ein wilder Hengst. Eine Aufgabe wie für mich geschaffen. Jeden Tag ritt ich schon vorm Frühstück mindestens zwei Pferde, die wie Ned ein besonderes Training brauchten. All meine Schützlinge entwickelten sich prächtig. „Natural Horsewomanship“ sei Dank! Obendrein konnte ich den ganzen Tag in meinen neuen Cowgirl-Stiefeln, mit Karohemd und dem passenden Hut mit dem Hof- Quad rumdüsen und nachts den sternenklaren Himmel bewundern. Und dann gab es da diese einmaligen, farbenprächtigen Sonnenuntergänge – ein Traum!

Doch dann kam der Unfall. Beim Ausritt im Wald auf meinem Liebling Johnny prallte ich an einem Baum ab, fiel hart und brach mir eine Rippe. Doofer Baum. „Das Reiten ist nicht das Problem, nur das Runterfallen kann richtig Schaden anrichten“, kommentierte der Arzt im Krankenhaus. Sein Urteil: sechs Wochen Schongang. Nach den ersten schmerzvollen Tagen fing ich vorsichtig an, wieder mit an- zupacken. Nach drei Wochen saß ich endlich wieder auf einem Pferd. Nur für die jungen Wilden ließ ich mir noch ein bisschen mehr Zeit.

Auch wenn Dianne und ihre Familie mich gerne aufgenommen hätten und so ein Leben als Pferdetrainerin am anderen Ende der Welt wirklich verlockend ist, bin ich nun wieder in Berlin. Irgendwann geht eine Reise eben zu Ende. Nur ab und zu bekomme ich noch nette Nachrichten mit Fotos von meinen Lieblingen und denke dann: Ach, schön war es, vom Bürohengst in Berlin zum Pferde-Mädchen in Australien zu avancieren!

Mehr Infos zur Weltreise auf meinem Blog.

Dieser Artikel erschien in L-MAG Juli/August 2024

Ein Schlafplatz unterm Sternenhimmel (Foto: Fabulous Female Cyclists)

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