Liebe zwischen Aufbruch und Tradition

„La Belle Saison – Eine Sommerliebe“ kommt auch in Deutschland auf die Leinwand. Cécile de France spielt darin eine bezaubernde Rebellin.

(Foto:Christophe Brachet_FTV)

Liebesgeschichten boomen im Kino. Nach „Carol“ (2015) und „Freeheld“ (2015) kommt nun aus Frankreich „La Belle Saison – Eine Sommerliebe“ auf die Leinwand. Paris in den 70er Jahren: Es ist die Zeit des feministischen Aufbruchs. Die Frauenbewegung kämpft für das Recht am eigenen Körper, gegen Unterdrückung und Patriarchat. In dieses aufrührerische und mitreißende Paris zieht es die 23-jährige Delphine (Izïa Higelin). Weit weg vom Bauernhof ihrer Eltern und der konservativen Familie trifft sie, kaum in der Großstadt angekommen, auf eine Gruppe aufrührerischer Feministinnen.

Sofort ist das Mädchen vom Land ergriffen vom Emanzipationskampf und der rebellischen, intelligenten, schönen Carole (Cécile de France). Es entsteht eine Geschichte zwischen großer Liebe und konservativer Familie, zwischen feministischem Kampf und Traditionen, sommerlicher Freiheit und gesellschaftlichen Zwängen.

Redakteurin Dana Müller telefonierte am Frauentag mit einer gut gelaunten Cécile de France und sprach mit ihr über Nacktheit im Film, Rebellinnen und den feministischen Aufbruch.

„La Belle Saison“ ist Ihre sechste lesbische Rolle. Warum haben Sie sich für den Film entschieden?
Cécile de France: Catherine Corsini rief mich an und sagte: „Ich habe ein Szenario geschrieben und hatte die ganze Zeit dich vor Augen.“ Wenn man Schauspielerin ist, hat man immer ein bisschen Angst, dass man auf eine bestimmte Rolle festgelegt wird. Sie entgegnete: „Lies trotzdem das Drehbuch, weil ich es wirklich für dich geschrieben habe und ich wüsste nicht, wem ich sonst die Rolle geben sollte.“ Also habe ich es gelesen und musste nach der letzten Seite weinen. Also griff ich sofort zum Telefon, rief Catherine an und sagte ihr: „Catherine, ich werde es spielen. Das ist eine wunderbar berührende Geschichte.“

Außerdem gefiel es mir, eine aktivistische Feministin aus dem Paris der 70erJahre zu spielen. Und ich habe gespürt, dass viel Gefühl und Kraft in dem Film ist. Das ist nicht einfach ein Film vom Fließband. Und letztendlich bekomme ich auch sehr viele Angebote mit heterosexuellen Rollen, also dachte ich mir, es besteht keine Gefahr, auf dieses Bild reduziert zu werden. Und jetzt bin ich sehr stolz, in diesem Film zu sein.

In diesem Film haben Sie sehr viele Nacktszenen. Wie fühlt sich das für Sie an?
Für mich ist das total logisch und natürlich, meine eigene Nacktheit zu akzeptieren. Denn das formt die Rolle. Diese Rolle verteidigt ihr Recht an ihrem eigenen Körper. Sie kämpft, um Tabus zu brechen. Damit die Frauen über ihren eigenen Körper selbst entscheiden können, wie zum Beispiel beim Thema Abtreibung. Das ist also nur logisch für die Rolle. Deshalb war es für mich nicht schwer, nackt zu sein, weil ich einfach in meiner Rolle war.

Der Film handelt vom feministischen Aufruch der 70er Jahre. Was denken Sie, ist heute davon geblieben?
Ich bin ein bisschen nostalgisch, was diese Zeit angeht, weil man den Eindruck hat, es war ein fröhlicher, dynamischer Kampf. Es gab eine Intensität, die ich heute nicht mehr sehe. Vielleicht irre ich mich auch. Aber ich denke, Frauen sind immer noch Gefangene eines Konsumbilds. Zum Beispiel sind die Bilder in der Werbung immer noch enorm beschränkt, noch viel mehr als in den 70er Jahren. Die Frau ist gefangen in sehr starken visuellen Eindrücken. Deshalb glaube ich, wir befinden uns in einer rückschrittlichen Zeit. Wir müssen uns mental noch viel
weiter entwickeln.

La bellle Saison/Allamode

Aber das ist gut, denn genau dafür ist das Kino da, um das Denken weiterzubringen. Bei der Einführung der Homo-Ehe in Frankreich gingen viele junge Menschen dagegen auf die Straße. Das finde ich sehr befremdlich. Das Gleiche gilt für die ganzen Demos gegen Migration. Wir sind in einer rückschrittlichen Zeit. Den Kampf dieser Zeit muss man immer noch weiter entwickeln.

Sind Sie also Feministin?
Nein. Ich bin keine Feministin, weil ich nicht politisch bin. Aber ich bin eine wahre Künstlerin, die glücklich ist, dass man sich mit ihr identifizierenkann. Und ich bin sehr glücklich, dass sich Homosexuelle mit mir identifizieren können, wenn sie meine Filme sehen. Denn es gibt nicht viele Geschichten im Kino die ihren ähneln. Es gibt unglaublich viele heterosexuelle Filme. Ein großer Teil des Kinos berührt sie also nicht wirklich, weil das nicht ihr Leben ist.

Sie haben schon viele verschiedene lesbische Charaktere gespielt. Jede einzelne Rolle war speziell. Glauben Sie, das Bild von Lesben in der Gesellschaft hat sich verändert, so wie sich ihre Rollen verändert haben?
In „High Tension“ war Homosexualität letztendlich eine Art Psychose, denn die Figur bringt jeden um. Es war eine Dysfunktion, die als Wahnsinn betrachtet wurde. „La Belle Saison“ hingegen ist ganz anders. Zwischen den beiden Filmen gibt es eine Entwicklung. Das steht zwar nicht für das Kino im Allgemeinen, aber in meinem Umfeld gibt es jetzt ein offeneres Denken. Es geht nunmehr darum, im Film ein Bild von lesbischer Liebe zu erschaffen als etwas Natürliches und Normales. Es war sehr beeindruckend, als der Film in Frankreich herauskam und auch viele Heterosexuelle von der Geschichte berührt waren. Das heißt doch, letztendlich ist das ein Film über Menschlichkeit und Liebe, egal ob homo oder heterosexuell.

Sie spielen viele verschiedene Rollen. Aber oftmals sind Ihre Rollen Rebellinnen. Haben Sie ein Faible für Rebellinnen?
Da ist was dran. Man bietet mir oft Rollen an, in denen ich die Freiheit verteidigen muss. Das sind auch die Rollen, die mich interessieren und die ich mir aussuche. Ich finde es gut, dass man ein Bild von Freiheit mit mir assoziiert. Aber das beschreibt mich nicht wirklich.

Also sind Sie im wahren Leben nicht wirklich eine Rebellin?
Nein, überhaupt nicht.

Aber sie weigern sich beispielsweise, Werbung für große Marken zu machen. Das ist doch ein bisschen rebellisch, oder?
Nein, das ist nicht sehr rebellisch! Ein wahrer Rebell kämpft auf einem bestimmten Gebiet oder verteidigt seine Familie. Ich bin nicht so mutig wie echte, aktive Rebellen. Meine Art der Rebellion, ist es, mit mir im Einklang zu sein und nicht zwangsläufig mit der Gesellschaft oder mit dem, was man mir anbietet. Ich bin mein eigener Weg. Ich brauche keine Vorschriften. Ich schaffe es, mir selbst treu zu bleiben und glücklich zu sein, ohne Zugeständnisse zu machen. Ich lebe unter meinen eigenen Bedingungen – bis zu einem gewissen Punkt. Ich kenne meine Grenzen und ich glaube, dass ich sehr viel auf mich höre.

In all Ihren Filmen sehen Sie jedes Mal völlig anders aus. Mal haben Sie lange Haare, mal kurze, mal sind Sie blond, mal braun. Aber wer sind Sie wirklich?
Das weiß ich nicht, denn es gibt immer einen Film. Und wenn ich gerade zwischen zwei Filmen bin, dann bin ich wie ein nährbarer Boden, der wartet. Ich warte auf den nächsten Haarschnitt, die nächste Farbe. Ich warte darauf, in meine nächste Rolle zu schlüpfen. Mir macht es Spaß, meinen Körper zu formen. Das ist, als ob ich eine Puppe oder Marionette gestalten würde. Ich genieße das wirklich. Letztendlich weiß ich nicht, wie die wahre Cécile wäre. Dafür müsste ich für einen sehr langen Zeitraum aufhören zu spielen, um zu sehen, wie ich mich am besten fühle.

„La Belle Saison“
Regie: Catherine Corsini, mit Cécile de France, Izïa Higelin, Noémie Lvovsky, MalKévin Azaïs u. a., F 2015, 105 Min., Kinostart: 5. Mai
2015

Das vollständige Interview erschien in L-MAG Mai/Juni 2016.


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