Für immer Rock

Mit ihrem Song „Like the Way I Do“ ging Melissa Etheridge in die Musikgeschichte ein. Noch immer aktiv, tritt sie 2019 beim WorldPride in New York auf.

Melissa Etheridge (FKP Skorpio)

Die US-amerikanische Rocksängerin Melissa Etheridge ist seit 30 Jahren eine Garantin für herzergreifende Gitarrensongs: Ihre hierzulande wohl berühmtesten Titel „Like the Way I do“ und „Bring Me Some Water“ aus ihrem 1988 erschienenen Debütalbum sind noch immer Dauerbrenner auf vielen Partys. Die heute 57-Jährige lebt seit ihrem Coming-out 1993 offen lesbisch und engagiert sich als Aktivistin.

Neben mehrfachen Platin- und Gold-Auszeichnungen sowie zwei Grammys findet sich in ihrer Award-Samm- lung auch ein Oscar, den sie 2007 für den Song „I Need to Wake Up“ bekommen hat. Im März spielte Etheridge einige Konzerte in Deutschland, um das 25. Jubiläum ihres Coming-out-Albums „Yes I am“ zu feiern. Im Telefoninterview mit L-MAG sprach die auf dem Boden gebliebene Rocklegende über den Fall der Berliner Mauer und ihr neues Album „The Medicine Show“.

„The Medicine Show“ – ein etwas sonderbarer Titel für ein Album. Was steckt dahinter?

Melissa Etheridge: Als ich begriff, wie mein Land in dieser Trump- Ära zu versinken drohte, wusste ich, dass es für Künstlerinnen Zeit ist, sich zusammenzuschließen und inspirierende Arbeit zu kreieren. „The Medicine Show“ hat für mich viele Bedeutungen: Ich spreche über den medizinischen Nutzen von Cannabis, unsere eigene Gesund- heit und darüber, wie wir auf uns und unsere Gesellschaft aufpassen müssen. Insgesamt soll das Album Medizin für die Seele sein.

Der Song „Shaking“ handelt von Angst und dem Thema Nation. Welche Sorgen machst du dir?
Die meisten Leute, die ich kenne, werden sich immer daran erinnern, wo sie in der Wahlnacht 2016 waren. Es war wie eine schwarze Wolke, die über uns zog und das Ergebnis hat großen Unglauben aus- gelöst. Wir fragten uns: „Haben wir wirklich einen Reality-Star gewählt? Was haben wir nur getan?“ Zu begreifen, dass jemand gewonnen hat, der Ängste in unserem Land schürt und andere für unsere Probleme beschuldigt, hat mich total umgehauen.

Ich dachte eigentlich, wir hatten schon die entgegengesetzte Richtung einge- schlagen. Doch nun sind die Menschen wieder aufgewacht und zu- sammengerückt. Unsere Demokratie funktioniert eben doch. Lang- sam zwar, aber es klappt. Wir werden das durchstehen. Jetzt sind viele Leute aufmerksamer als in den bequemen Obama-Jahren. Ich kann immer noch nicht glauben, dass ein offener Rassist und Sexist Präsident der USA ist.

Er wurde ja nicht nur von weißen, heterosexuellen Männern gewählt, sondern auch von den Leuten, gegen die er wettert. Wie war das möglich?
Er ist ein Fernsehstar, ein Populist. Er hatte kein Problem damit, in jede einzelne Stadt zu gehen und die Leute anzulügen. Er hat den Menschen genau das erzählt, was sie hören wollten: „Es sind die Einwanderer, die euch den Job wegnehmen und sie sind der Grund dafür, warum ihr nicht glücklich seid“, zum Beispiel. Und er hat versprochen, die Eingewanderten wieder zurückzuschicken. Er hat all diese Dinge versprochen, obwohl sie total falsch und unrealistisch sind, und er sie letztlich auch nicht einhalten konnte. Ich denke, man kann die Leute nur einmal täuschen. Wenn er sich nochmal zur Wahl stellen sollte, bezweifle ich stark, dass er es wieder schaffen wird.


Wird die USA eines Tages eine Frau als Präsidentin haben?

Ich denke, im Jahr 2021 wird es definitiv so weit sein.


Wer könnte es sein?

Es gibt so viele unglaubliche Frauen. Kamala Harris, Lisbeth Warren, oder Amy Klobuchar wären wunderbare Präsidentschaftskandidatinnen.


„Ich war mittendrin und habe gesehen, wie Ostdeutsche die Grenze überschritten und nach Westberlin kamen. Diese Vereinigung zu sehen, das werde ich niemals vergessen.

Am Tag des Mauerfalls vor 30 Jahren warst du in Berlin. Und jetzt hört Trump nicht auf, vom Bau einer Mauer zwischen den USA und Mexiko zu reden. Was denkst du darüber?

Mauern sind keine Lösung! Schon darüber zu reden, eine Mauer zu errichten, ist völlig veraltet. Ich habe gesehen, wie Leute rebellierten, als an den Grenzen Menschen umgebracht wurden, und wie Mauern eingestürzt wurden. Sie funktionieren einfach nicht, sind höchst primitiv und rassistisch motiviert. Ich glaube nicht daran, dass eine Mauer jemals etwas erreicht.


Wie war das damals für dich, als du am 9. November 1989 in Berlin warst?

Es ist eine der berührendsten Erinnerungen, die ich habe. Ich kann nicht einmal darüber sprechen, ohne anzufangen zu weinen, weil es mich so sehr beeindruckt hat. Ich war mittendrin und habe gesehen, wie Ostdeutsche die Grenze überschritten und nach Westberlin kamen. Diese Vereinigung zu sehen, das werde ich niemals vergessen.

Gibt dir das Hoffnung für die aktuelle Politik?
Die Idee, dass sich etwas wieder verändern kann?
Ja, total. Ich bin alt genug, um zu sehen, dass die Menschheit enorme Dinge über Nacht verändern kann. Ich bin mir sicher, dass die angst- schürenden Worte eines einzelnen Mannes mein Land nicht zerstören werden.
Dieses Jahr steht das 50-jährige Jubiläum der Stonewall-Riots an.

Foto: FKP Skorpio

Erinnerst du dich eigentlich noch an den Moment, in dem du festgestellt hast, dass du lesbisch bist?
Ich denke, das war in der Mittelschule in der Sportstunde.


Warst du etwa in deine Sportlehrerin verliebt?
(Lacht) Nein. Irgendjemand sagte zu mir in Bezug auf ein anderes Mädchen: „Sie ist eine Lezzie“. Ich wusste damals nicht, was das bedeutet, und fragte nach. Sie erklärte mir: „Wenn du andere Mädchen magst.“ Ich erinnere mich, dass ich dachte: „Dann bin ich das wohl“. Bis dahin wusste ich nichts darüber. Erst danach habe ich Stück für Stück begonnen, darüber nachzudenken.

Hast du zum Schluss noch einen Rat für junge Menschen, die sich nicht trauen, sich zu outen?

Ja. Erstens: Du bist nicht allein. Es gibt Millionen Menschen in der Welt, die schwul oder lesbisch sind. Zweitens: Du denkst vielleicht, es sei besser, sich anzupassen, um kein Außenseiter zu sein, aber das Beste, was du tun kannst, ist einfach dein Leben zu leben. Wenn du sicher in deiner Identität und deiner Liebe bist, kann dich nichts, was sie sagen, verletzen. Und wenn Leute das sehen, wirst du letztendlich ihre Herzen und ihre Einstellung verändern.

Album: „The Medicine Show“ (Concord Records)
www.melissaetheridge.com

Das Interview erschien in L-MAG Mai/Juni 2019.


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