Im „FLINTA* Bike Space“ in Leipzig können Frauen, Lesben und andere Queers ihre Fahrräder reparieren. Vorwissen braucht es keines
An der Toreinfahrt steht ein Schild aus Sperrholz, darauf der Schriftzug „FLINTA* Bike Space“. Leipzig ist eine bunte Stadt, überall sind die Wände mit Graffiti übersät – gerade hier im als alternativ geltenden Stadtteil Connewitz. Auf dem Weg zur Fahrrad-Selbsthilfewerkstatt prangt in der Tordurchfahrt „No Border – No Nation“ in großen Lettern an der Wand. Im zweiten Hinterhof, neben dem Tausch- und Umsonstladen, führt eine eiserne Tür durch einen Gang und in die Werkstatt. Dort fallen als Erstes die zahlreichen Felgen auf, die an der Decke aufgehängt sind. Rechts steht ein Tresen, dahinter eine Werkbank mit Werkzeug. Mitten im Raum stehen zwei Montageständer.

Das Gelände im Leipziger Süden wird seit über dreißig Jahren von der Kinder- und Jugendwerkstatt KIJUWE bespielt. Diese ist ein offener Freizeittreff für „kreatives Schaffen“, mit Workshops, Proberäumen, einer Saatgut-Bibliothek und eben der Werkstatt, die L-MAG heute besucht. Janna (Foto) ist dort schon über 25 Jahre als Ehrenamtliche aktiv, auch im Umsonstladen ist sie involviert. Die Räumlichkeiten mit den Werkzeugen gibt es schon eine Weile. Bis vor zwei Jahren war dies eine offene Fahrrad-Selbsthilfewerkstatt für alle im Kiez und finanzierte sich über Fördermittel. Sogar eine bezahlte Stelle war drin. Als die Förderung schließlich wegbrach, standen eine Menge Veränderungen im Raum.
Von der Gründung zum eigenen Space
Janna sah darin auch die Gelegenheit, etwas Neues aufzubauen. Sie dachte: „Das ist der Moment, an dem es endlich eine FLINTA*-Werkstatt geben könnte!“ Vor Gründung des „FLINTA* Bike Space“ kannte Janna in der hippen Stadt Leipzig keinen öffentlichen Ort, an dem Frauen und queere Personen sich wirklich wohlfühlen konnten, wenn sie an ihren Bikes schrauben wollten. Als sie selbst als junge Person das erste Mal die Werkstatt der KIJUWE betrat, machte sie gleich eine abschreckende Erfahrung mit „mansplainenden Typen“, erzählt sie – wie so viele Frauen im Radkontext.
Denn in konventionellen Fahrradläden würden sich oft cis Männer gegenseitig mit ihrem Wissen beweihräuchern und Frauen erstmal nichts zutrauen. Janna berichtet aus Erfahrung: „Von FLINTA*-Personen wird im Allgemeinen nicht erwartet, dass sie überhaupt schon mal einen Schraubenschlüssel in der Hand gehalten haben.“ Und Hannah ergänzt: „FLINTA* wird oft nicht zugetraut, dass sie Spaß daran haben, technische Sachen zu verstehen. Aber ich mach das voll gerne und finde: Das ist eine schöne Arbeit.“ Hannah ist im letzten Winter von Wien nach Leipzig gezogen und ist nun Teil des „FLINTA* Bike Space“. Die quirlige Frau schraubt gerade an einem alten weißen Klapprad rum. Das Rücklicht wackelt. „Ich habe schon vorher meine Fahrräder in offenen Werkstätten repariert und empfand das immer als gute Orte“, schwärmt sie.
Vor einem Jahr ergriff die in Leipzig alteingesessene Janna die Initiative, schickte Nachrichten über diverse Verteiler, suchte Unterstützung – und nun ist die Werkstatt dank einer handvoll Ehrenamtlicher jeden ersten und dritten Montag im Monat für FLINTA* reserviert. Darüber hinaus ist sie mittwochs für alle im Kiez geöffnet. Sogar eine kleine Förderung konnte das neue Kollektiv an Land ziehen. Allerdings läuft diese bald aus. Zurzeit können sie damit Miete und etwas Material abdecken, aber niemand kann für sein Engagement bezahlt werden. Deshalb basiert das Ganze auf freiwilliger Spendenbasis.
„Das ist ein Ort, an dem wir alle gemeinsam lernen und wo jede auch mal einen Fehler machen kann.“
Die Idee des „FLINTA* Bike Space“: Es geht nicht darum, alles schon zu wissen, das Motto ist Learning by Doing. „Wir lernen, während wir die Werkstatt betreiben“, erklärt die Initiatorin freudestrahlend. „Wir wollen eine Stimmung kreieren, in der klar ist: Du kannst jede Frage stellen! Denn das ist ein Ort, an dem wir alle gemeinsam lernen und wo jede auch mal einen Fehler machen kann.“ Auf dem Tresen liegt ein Buch zum Nachschlagen und sogar YouTube-Tutorials sind erlaubt. Denn manche Sachen sind je nach Marke und Fahrrad sehr spezifisch. „Ich bin auch nicht die perfekte Fahrradschrauberin, aber ich muss es halt machen, denn ich fahre total viel Fahrrad und bin darauf angewiesen, dass es funktioniert“, sagt Janna.



Sie und Hannah wissen: Oft mangelt es den Leuten lediglich am Werkzeug. Und so eine super eingerichtete Werkstatt mit Montageständern kann da genau die richtige Brücke sein. Das fängt schon beim Reifenwechsel an. Viele trauen sich den nicht zu. So ist die Selbsthilfewerkstatt ein Ort für Basics, aber auch für komplexere Projekte, wie etwa ein ganzes Rad neu zusammenzubauen. Dabei kommen die häufigsten Fragen von Besucher:innen zum Tretlager, den Bremsen und der Gangschaltung – alltägliche Probleme, die eine schnelle Lösung brauchen. Leider sind vor allem im Sommer konventionelle Fahrradgeschäfte auf Wochen ausgebucht.
Zwar kann auch im „FLINTA* Bike Space“ nicht immer alles sofort und gemeinsam repariert werden. Gerade wenn Ersatzteile ins Spiel kommen, muss erst mal das Material beschafft werden. Dennoch: Willkommen ist jede – auch ohne Vorwissen. Im Idealfall kommt eine Person in der Werkstatt vorbei, lernt, wie es geht und kann es im Anschluss zu Hause alleine machen, erklärt Janna: „Wir wollen die Leute empowern!“ So sind in Zukunft auch Workshops geplant. Für heute aber wurde genug geschraubt. Am Ende des Tages werden noch die Montageständer geputzt, bevor die eiserne Tür wieder verschlossen wird. Bis zum nächsten Mal.
Dieser Artikel erschien in L-MAG Juli/August 2025.
Das Kürzel FLINTA* steht für Frauen, Lesben, trans, inter, nicht binäre und agender Personen.